Ist Impfen gefährlich?

Impfen sei vor allem Geldmacherei der Konzerne und gefährlich: Das ist ein häufig zu hörendes Argument von Impfkritikern. Aber was ist da wirklich dran?

14 Impfungen für Kinder und Jugendliche empfiehlt die Ständige Impfkommission. Das unabhängige deutsche Expertengremium zählt Tetanus, Windpocken, Masern oder auch Keuchhusten zu den Krankheiten, gegen die sich vor allem Kinder und Jugendliche impfen lassen sollen. Eine Pflicht oder gar einen Impfzwang gibt es in Deutschland nicht. Eltern dürfen frei entscheiden.

Und so entscheiden sich auch einige dagegen, weil sie Impfungen skeptisch sehen. Vor allem in Süddeutschland gibt es Landkreise, in denen nur rund 40 Prozent aller Kinder die erforderlichen zwei Impfungen gegen Masern bis zum zweiten Lebensjahr erhalten. Ein Argument der Impfkritiker: Die vielen Impfungen seien Geldmacherei der Pharmaindustrie.

Medikamente bringen der Industrie mehr Geld

Wie auch andere privatwirtschaftliche Unternehmen haben Pharmakonzerne das Interesse, an ihren Produkten zu verdienen. Doch ein Blick auf die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen – über die fast 88 Prozent der Deutschen versichert sind – zeigt, dass sie von ihren 218 Milliarden Euro Jahresausgaben nur knapp eineinhalb Milliarden für Schutzimpfungen gezahlt haben. Fast 38 Milliarden Euro wurden dagegen 2017 für Arzneimittel ausgegeben. An Medikamenten für Kranke verdient die Industrie demnach deutlich besser.

In einigen Impfstoffen sind Zusätze wie Aluminium oder Quecksilber enthalten. Sie haben unterschiedliche Zwecke, sollen die Wirkung der Impfung verstärken oder auch den Erreger im Impfstoff abtöten. Die Konzentration dieser Zusätze ist allerdings minimal und liegt weit unterhalb der Grenze, die man als giftig bezeichnen würde, so das Robert Koch Institut. Zudem wird die Verträglichkeit von Impfstoffen bei der Zulassung sehr genau überprüft. Die These, dass quecksilberhaltige Impfstoffe dafür verantwortlich sein könnten, dass mehr Kinder an Autismus erkranken, haben sowohl die Weltgesundheitsorganisation als auch die europäische Arzneimittelbehörde widerlegt. Dennoch haben die Pharmahersteller reagiert und bieten seitdem für alle Standardimpfungen quecksilberfreie Impfstoffe.

Masern sind als Krankheit nicht zu unterschätzen

Der Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus hält sich als ewiger Impf-Mythos seit Jahren. Der britische Arzt Andrew Wakefield, weltweit wohl der bekannteste Impfgegner, will diesen 1998 in einer kleinen Studie nachgewiesen haben. Doch kein Fachkollege konnte seine Studienergebnisse reproduzieren. Daher zog die Redaktion seine Publikation später wieder zurück
Außerdem kam heraus, dass Wakefield Geld von Anwälten angenommen hat, die Eltern Autismus-kranker Kinder vertraten. Die Anwälte hatten versucht, eine Verbindung zwischen Autismus und Impfungen zu finden, um die Hersteller der Impfstoffe zu verklagen. Eine Ethikkommission überführte Wakefield des Fehlverhaltens, er verlor seine Zulassung als Arzt in Großbritannien.

Manche Impfkritiker halten Impfungen an Säuglingen für zu früh. Doch gerade für die Kleinsten sind einige Infektionskrankheiten am gefährlichsten. Bei Keuchhusten zum Beispiel kommt es bei jedem vierten Kind unter sechs Monaten zu Komplikationen wie Lungenentzündungen oder Atemstillständen. Danach sinkt die Gefahr deutlich: auf nur noch fünf Prozent. Zudem gibt es laut Robert Koch-Institut keine Belege dafür, dass Säuglinge Impfungen generell schlechter vertragen als ältere Kinder.

Mehrfachimpfstoffe überlasten das Immunsystem nicht

Das gilt auch für die Anzahl der Impfungen. Denn tatsächlich werden Kinder heute gegen mehr Krankheiten geimpft als früher. Allerdings enthalten die modernen Impfstoffe deutlich weniger Bestandteile des Erregers. Im alten Keuchhusten-Impfstoff seien beispielsweise noch rund 3000 Antigene gewesen, im heutigen seien dagegen nur 150, erklärt das Robert Koch Institut auf seiner Homepage. Im Alltag sind kleine Kinder ohnehin deutlich mehr Erregern ausgesetzt. Auch Mehrfachimpfstoffe überlasten ihr Immunsystem nicht. Dafür kann die Anzahl der Spritzen reduziert werden

Einige Eltern halten das Überstehen von Infektionskrankheiten für einen wichtigen Entwicklungsschritt ihrer Kinder. Doch wissenschaftliche Studien konnten bisher nicht belegen, dass sich nicht geimpfte Kinder körperlich oder geistig besser entwickeln als geimpfte. Zumal die Krankheiten und ihre Folgen nicht zu unterschätzen sind: Noch immer stirbt einer von 1000 Masernerkrankten.

Eigene Impfung hilft auch anderen

Es besteht auch die Gefahr, dass von einer Impfung ein Schaden zurückbleibt. Das können kleine Narben an der Einstichstelle sein, aber auch Organschädigungen sind möglich. Doch die Wahrscheinlichkeit, einen Impfschaden zu erleiden, ist verschwindend gering. Im so genannten “Nationalen Impfplan 2012” sind die anerkannten Impfschäden aus allen Bundesländern für den Zeitraum 2005 bis 2009 gesammelt aufgeführt. Es waren 169 Fälle. In diesen fünf Jahren wurden alleine Kassenpatienten mehr als 211 Millionen Mal geimpft. Damit liegt die Gefahr eines Impfschadens unter 0,00008 Prozent.

Wenn es bei einer Impfung zu einer Reaktion des Körpers kommt, die über das übliche Maß hinaus geht, besteht eine Meldepflicht. Alle Verdachtsfälle sollen über den Arzt oder die Gesundheitsämter beim Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gemeldet werden. Wer dem nicht vertraut, kann sich mittlerweile auch direkt ans Institut wenden. Das PEI ist in Deutschland für die Überwachung der Impfstoffe zuständig. Seit einigen Jahren veröffentlicht es in der März-Ausgabe seines “Bulletin zur Arzneimittelsicherheit” die aktuellen Zahlen der Verdachtsmeldungen, alles im Internet abrufbar.

Manche Menschen können sich nur eingeschränkt impfen lassen

Es gibt bei der Entscheidung für oder wider einer Impfung aber noch etwas mit zu bedenken. Manche Menschen können sich gar nicht oder nur eingeschränkt impfen lassen: beispielweise Immunkranke, Schwangere oder Neugeborene. Für sie ist der so genannte Herdenschutz wichtig. Er soll sie vor schweren Krankheiten bewahren. Sind nur wenige beispielsweise gegen Masern geimpft, kann sich die Krankheit schnell ausbreiten. Das ändert sich laut Robert Koch Institut erst, wenn 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sind. Dann ist der Herdenschutz erreicht.

Nicht geimpfte Personen bleiben gesund – sie werden geschützt durch die geimpften, die sie umgeben. So hilft die eigene Impfung immer auch denen, die besonders gefährdet sind.

Quelle: http://faktenfinder.tagesschau.de/kurzerklaert/impfen-115~_origin-a8ea3a19-226f-48f6-8f8a-03def8b19560.html